3sat, Kulturzeit, 08. April 2011

Wenn es weiter geht wie bisher, ist das Publikum für klassische Konzerte laut düsterer Prognosen in 30 Jahren ausgestorben. Selbst optimistische Konzertveranstalter sehen deutlich mehr graue Panther als junge Wilde in ihrem Publikum. Was tun?

Der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle schlägt Alarm. “Wenn Sie sich die Langzeitstudien zum Konzertwesen anschauen, dann sehen Sie, dass das Konzertpublikum dreimal schneller altert als der Durchschnitt der Bevölkerung”, sagt er. “Es gibt dazu eine groß angelegte Studie der Universität St. Gallen. Dort hat man festgestellt, dass wir beim derzeitigen Alterungsprozess bis zu 40 Prozent des Konzertpublikums in den nächsten 30 Jahren aufgrund dieses Alterungsprozesses verlieren werden.”

Idee: vielfältige Konzertlandschaft
Tatsächlich hat sich der Konzertbetrieb seit dem 19. Jahrhundert nicht erneuert. Noch immer treten Solistinnen im Abendkleid, Dirigenten im Frack auf. Das Publikum muss 90 Minuten still sitzen, schweigen, zuhören und niemals zwischen den Akten klatschen. Raus- und reingehen, stehen, liegen, essen, trinken, lachen oder sogar mitsingen sind undenkbar – egal ob im Jahr 1900 oder 2011. Applaus am Schluss – es ist ein viel zu enges Korsett für Erfolg in der Moderne. “Es ist kein Problem der Musik, sondern ihrer Darbietungsweise”, sagt Tröndle. “Die Lösung ist relativ einfach: Wir brauchen eine Pluralisierung des Konzertbetriebs und nicht nur Kleinkinderkonzerte oder Konzerte für Alte, sondern eine vielfältige Konzertlandschaft, um dieses Konzert wieder attraktiv zu machen.”
Die Tonhalle Zürich hat das Problem erkannt. Seit 2001 betreibt sie mit der Veranstaltungsreihe “Tonhalle Late” eine Art Nachzucht ihres Publikums. Das Rezept: erst klassisches Konzert, dann DJ. Die Veranstaltung ist ein Erfolg. Beide Musikrichtungen nimmt das junge Publikum an. Wohltuenderweise fehlen viele tradierte Konzert-Konventionen. Noch ein Erfolgsmodell war “Rhythm Is It!”: Der Film mit Simon Rattle am Pult wurde zum Welterfolg, nicht nur, weil er ein paar hundert Jugendliche aus Problemschulen zur Klassik brachte, sondern die Klassik ins Kino. Rattle geht noch einen Schritt weiter: Er erwartet nicht, dass die Menschen zu seiner Musik kommen. Er bringt seine Musik zu den Menschen ins Kino: die Berliner Philharmoniker in HD, live und weltweit, mit Erläuterungen des Maestros.

Forderung: Mehr Geld für mehr Vielfalt
Es mangelt also nicht an neue Ideen in der klassischen Aufführungspraxis. Weshalb sich trotzdem nur wenig ändert an Altersdurchschnitt und Publikumszahlen, ist für den Kulturwissenschaftler Martin Tröndle völlig klar. “Wir müssen letztlich an den Förderstrukturen ansetzen”, sagt er, “weil momentan weniger als ein bis zwei Prozent tatsächlich für neue Formen ausgegeben werden und 98 Prozent für alte Formen aus dem 19. Jahrhundert. Das ist das Problem.” Mehr Geld für mehr Vielfalt heißt demnach die Forderung: Wenn sich diese aufstrebende Jugend in 20 Jahren für Klassik begeistern soll, dann sollte sie dabei stehen können, sitzen oder liegen, vielleicht im Internetcafé, in der Hand das Lieblingsgetränk – verbunden mit Altersgenossen weltweit, per Internet im Live-Chat. Auch das Dazwischen-Twittern müssten sich die Zuhörer dann gar nicht mehr abgewöhnen. Denn wenn sie erst laufen können, könnten sie auch weglaufen.

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