VolkswagenStiftung – Offen für Außergewöhnliches

Hat das Konzert eine Zukunft? Und falls ja, welche Art von Konzert(en)?

Wenn man dieser Frage auf wissenschaftlichem Wege beizukommen versucht, reichen sozio-demografische Erhebungen nicht aus. Vielmehr müssen Fokus und Methoden grundlegend anders eingestellt und ausgewählt werden. Daher möchten wir hiermit ein Forschungsprojekt vorschlagen, in dem der demographische Ansatz zum ersten Mal überhaupt durch einen erfahrungsbasierten ersetzt wird. Dafür greifen wir die These von der Krise des Formats auf und entwickeln ein wissenschaftliches Äquivalent zu den im Musik-Leben zu beobachtenden Konzert-„Experimenten“. Unsere zentrale Frage lautet: Welche musikalischen Erfahrungen bietet ein Konzert als Konzert? Aus welchen Aspekten besteht diese Erfahrung? Welche Bestandteile des gängigen Konzertablaufs ermöglichen, verstärken oder behindern sie?

Im Unterschied zu den nach wie vor nur sehr wenigen anderen Studien, die die Erfahrung und Bewertung von Konzerten untersucht haben, streben wir eine neue multi-methodische und integrierende Herangehensweise an, die ebenso theorie-geleitet wie durch ethnographische, empirische und experimentelle Methoden inspiriert ist: Qualitative und quantitative Daten verschiedenster Art sollen beim Publikum in acht möglichst realitätsnahen und künstlerisch herausragenden, dabei aber zugleich sorgfältig konstruierten und variierten Konzertsituationen erhoben werden. Zu diesem Zweck wurden auf der Grundlage historischer wie zeitgenössischer Konzertpraktiken spezifische Konzertformate bzw. -elemente ausgewählt, die jeweils in Verbindung zu einer spezifischen Hypothese zum Musik-Erleben stehen.

Die Streichquintett Abende, die unsere Experimentreihe bilden, werden von international renommierten Musikern gespielt und präsentieren jeweils dieselben Stücke von Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms und Brett Dean. Um Zugang zum ästhetischen Erleben des Publikums dieser Konzerte zu erhalten, werden wir etablierte quantitative Methoden der Sozialforschungen (Vor-, In situ- und Nach-Befragungen) mit psychologischen und physiologischen Mess-Verfahren kombinieren, die sowohl dem neuesten technischen Stand entsprechen als auch extra dafür entwickelt wurden. Zu letzterem zählen etwa die optische Analyse von Publikums-Bewegungen, die automatisierte Erkennung emotionaler Gesichtsausdrücke, die kontinuierliche Erhebung peripherphysiologischer Reaktionen und eine Analyse der akustischen Aktivitäten des Publikums (wie Lachen, Applaus, Füßescharren, Unruhe). Dieser außergewöhnliche reiche Datenbestand soll zu einem mehrdimensionalen, umfassenden und verlaufssensitiven Bild des Konzerterlebens führen. Niemals zuvor ist ein Konzertpublikum auf eine zugleich so umfangreiche wie in die Tiefe gehende Art und Weise erforscht worden.

Indem wir versuchen, die scheinbar konträren Ziele    miteinander zu verbinden, wollen wir uns ihre jeweiligen Vorzüge unter Ausschluss ihrer Nachteile zu Nutze machen. Wir sind zuversichtlich, dass wir so zwei Ergebnisse gleichzeitig erzielen werden: Zum einen werden wir lernen, welche Aspekte des Konzerts welche Dimensionen der musikalischen Erfahrungen auf welche Weise beeinflussen. Zum anderen wird unser experimenteller Ansatz es uns erlauben, präzise zu testen, wie eine ‚übliche’ Konzerterfahrung intensiviert werden kann – und zwar sowohl für regelmäßige Konzertgänger wie für Personen, die keine oder nur geringe Erfahrungen mit klassischen Konzerten haben. Auf diese Weise werden wir in der Lage sein, praxisrelevante Vorschläge für den Musikbetrieb zu entwickeln: Diese werden sowohl Ideen für die Gestaltung zukünftiger Konzertformate beinhalten als auch Vorschläge dazu, wie Musikstudierende für diesen Aspekt ihrer späteren Laufbahn besser ausgebildet und sensibilisiert werden könnten. Denn erst, wenn wir wissen, ob überhaupt, unter welchen Bedingungen und in welchem Umfang die musikalische Erfahrung in einem Konzert eine spezifische ist, können wir Hinweise dazu geben, wie diese kulturelle Praxis erhalten oder weiterentwickelt werden könnte. Auf diese Weise können das ECR-Projekt und seine Ergebnisse weltweit für die Musikwissenschaft, die Kultursoziologie und die Kunstpsychologie, aber auch für künstlerische Leiter, Festival-Macher, Musik-Pädagogen und politische Entscheidungsträger nachhaltige Impulse liefern.

 

Das Forscherteam

Um dieses ambitionierte Ziel adäquat angehen zu können, haben sich Forscher/innen, Techniker und Praktiker aus Musik- und Kulturwissenschaft, Wahrnehmungspsychologie, Musikdramaturgie und Tontechnik mit Musiker/innen zusammengefunden.

Mit den Praxispartnern, dem Radialsystem V und dem Konzerthaus Berlin, konnten wir zwei international renommierte Konzerthäuser für das Forschungsprojekt gewinnen. Die jeweiligen Leiter, Sebastian Nordmann und Folkert Uhde, werden zulassen, dass sich ihre Konzerthäuser temporär in Labore verwandeln und wir so die Möglichkeit haben, das Musik-Erleben im Konzert unter realen Bedingung zu erforschen. Folkert Uhde, zugleich der künstlerische Leiter von ECR und einer der international herausragenden Persönlichkeiten in der Entwicklung neuer Konzertformate, arbeitet bereits seit einiger Zeit mit dem Forscherteam zusammen. Er verantwortet die Experimentreihe und steht für höchste künstlerische Ansprüche. Er ist auch zuständig für die Auswahl der international renommieren Musiker des Streichquintetts mit Baiba Skride (Violine), Gergana Gergova (Violine), Brett Dean (Viola), Nils Mönkemeyer (Viola) sowie Alban Gerhardt (Cello).

Die Kombination der Kompetenzen ermöglicht nicht nur eine gelebte Interdisziplinarität, sondern lässt auch Synergieeffekte im Forschungsprozess wahrscheinlich werden. Aufgrund der bisherigen Zusammenarbeit in der Ausarbeitung und Planung dieses Projekts sind wir uns sicher, dass das Team einen kollegialen Teamgeist mit höchsten wissenschaftlichen und künstlerischen Ansprüchen entwickeln wird.

Dr. habil. Hauke Egermann, York Music Psychology Group (YMPG), University of York, York
Dr. Jutta Toelle, Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, Frankfurt/M.
Prof. Dr. Martin Tröndle, WÜRTH Lehrstuhl für Kulturproduktion, Zeppelin Universität, Friedrichshafen (pi)
Prof. Dr. Wolfgang Tschacher, Abteilung für Psychotherapie, Universität Bern
Folkert Uhde, Radialsystem V, Berlin
Prof. Dr. Melanie Wald-Fuhrmann, Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, Frankfurt/M.


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